The Life Before Her Eyes
Der ukrainische Regisseur Vadim Perelman erntete 2003 für sein Spielfilmdebüt House of Sand and Fog (Haus aus Sand und Nebel), nach dem gleichnamigen Roman von Andre Dubus III, überschwängliche Kritiken (besonderes Lob galt dabei den Leistungen der Schauspieler) sowie mehrere Oscarnominierungen. Eine davon ging an Komponist James Horner, der Teil des namhaften Aufgebots war, das auch hinter der Kamera verpflichtet wurde. Als Horner zu diesem Anlass in der Oscarnacht im Kodak Theatre saß, musste er sicherlich für einen Moment zurückdenken, wie er ursprünglich überhaupt zu diesem Projekt gekommen war. Wie Perelman später selber in einem Interview verriet (
The Film Freak Central Interviews Director Vadim Perelman), war er nicht sonderlich beeindruckt gewesen von der dramatischen und häufig eindringlichen Musik Horners, die er sich während seiner Suche nach einem geeigneten Komponisten für seinen Film angehört hatte. Aber Horner, dem offenbar einiges daran lag, an dem Film zu arbeiten, schaffte es irgendwie Perelman davon zu überzeugen, dass er mit seiner Musik auch den eher subtileren Weg einschlagen konnte, den der Regisseur bevorzugte.
Das Endresultat zerstreute ganz offensichtlich Perelmans letzte Zweifel über Horners Fähigkeiten, denn vier Jahre nach dem gemeinsamen Erfolg mit House of Sand and Fog kehrt Horner zurück, um auch die Musik für Perelmans Nachfolgewerk, The Life Before Her Eyes, beizusteuern. Erneut hat sich der Regisseur einem persönlichen, dramatischen Roman angenommen, dieses Mal von Laura Kasischke. Die Geschichte handelt von Diana (gespielt von Uma Thurman), einer Ehefrau und Mutter, deren idyllisches Vorstadtleben durch Erinnerungen an ein schreckliches Ereignis aus ihrer Vergangenheit ins Wanken gerät: während der 15. Jahrestag eines tragischen Amoklaufs an ihrer High School, an dem sie unmittelbar beteiligt war, näher rückt, zeigt der Film in Rückblicken Dianas Leben als Teenager (ihr jüngeres Selbst gespielt von Evan Rachel Wood) in den Tagen, die zu diesem grausamen Ereignis führen, und enthüllt mehr und mehr eine bittere Wahrheit hinter Dianas Schuldgefühlen. Es zeichnet sich bereits ab, dass Perelmans zweiter Film nicht den selben Zuspruch seitens der Kritiker auf sich zieht, wie es seinem Debüt vergönnt war, und dass er den hohen Erwartungen nach seinem Erstlingswerk wohl nicht gerecht werden kann. Da ich den Film zu diesem Zeitpunkt selber noch nicht gesehen habe, kann ich keine persönliche Meinung dazu abgeben; was Horners und seine Musik angeht, so scheint dieser zumindest in gewissem Maße dort weiterzumachen, wo er mit House of Sand and Fog aufgehört hat: einmal mehr gehorcht er Perelmans Wunsch nach Zurückhaltung und verzichtet diesmal komplett auf ein Orchester, um den Fokus stattdessen auf das Klavier und synthetische Töne zu legen.
Bereits die ersten Minuten des Albums fassen treffend zusammen, was von der restlichen Musik zu erwarten ist: sanfte Pianoklänge, von Horner persönlich gespielt, über elektronischen Texturen herrschen vor, wobei Letztere Auszügen aus House of Sand and Fog nicht unähnlich sind, ebenso wie einigen der ruhigeren Momente aus The Forgotten (Die Vergessenen) oder The Chumscrubber. Gesamplete Streicher tauchen im zweiten Stück auf (
"Diana - A Future To Be....") und mögen den einen oder anderen an Apocalypto (Horners jüngster Arbeit neben The Spiderwick Chronicles) erinnern, auch wenn die Samples hier etwas besser ausgearbeitet und weniger künstlich wirken. Ein weiteres Überbleibsel aus House of Sand and Fog ist eine aufsteigende Pianomelodie, die zu Beginn - aber auch auf dem gesamten Album - häufig auftaucht. Die ersten Sekunden von
"An Ordinary Day" enthüllen auch gleich die dritte Hauptkomponente des Scores, eine einsame Sopranstimme, wortlos von einer Frau gesungen, welche die traurige und schwermütige Atmosphäre der Musik erfolgreich verstärkt. Wäre ein Beispiel für den Einsatz der Stimme aus Horners vergangenen Werken zu nennen, so käme am ehesten noch The New World in Frage; allerdings macht die Stimme, besonders im weiteren Verlauf des Albums, einen ebenfalls künstlichen bzw. gesampleten Eindruck, was aber schwer festzustellen ist. Auf jeden Fall ist ihr Einsatz schön anzuhören und effektiv.
Diese ersten beiden Stücke sind mit ihrer in erster Linie atmosphärischen Klanglandschaft durchaus ansprechend, aber tatsächlich passiert nicht wirklich viel. Glücklicher Weise führt
"Becoming Close Friends" Horners Thema für Klavier ein, und es ist wirklich eine Schönheit, intelligent konstruiert und eine perfekte Untermalung für die von schrecklichen Erinnerungen und Schuldgefühlen geplagte Protagonistin. Das Thema geht über in mehr von der traurigen und langsamen Pianomusik, wie sie die ersten beiden Stücke geboten hatten, bevor Teile des Themas in Variationen zurückkehren. Alles in allem ein wunderbares Stück. Doch die schlechte Nachricht ist, von hier an nehmen die zurückhaltenden und eher atmosphärischen Klänge des Anfangs zu ziemlich den Großteil der Restspielzeit ein. Ich habe versucht, weitere Wege zu finden, die Musik zu beschreiben, doch Tatsache ist, wenn man die ersten neun Minuten des Album gehört hat, weiß man ziemlich genau, wie sich der Rest zum größten Teil anhört (
"Diana's Young Conscience Is Finally Formed"). Zwar sind einige der synthetischen Elemente, die Horner hier anbringt, durchaus interessant (wie etwa diese kleinen Effekte in
"Two Lives Slowly Converging", die auch in Szene aus den Tiefen des Ozeans nicht verkehrt wären), allerdings will das Album mehrere Male gehört werden, bis einem solche Details auffallen, zumal die Musik nicht gerade angestrengt versucht, die Aufmerksamkeit des Zuhörers auf sich zu ziehen. Die oben erwähnte aufsteigende Pianomelodie wird darüber hinaus so oft wiederholt, dass es beinahe schon ermüdend ist.
Umso willkommener ist Horners Thema, wenn es in "The Gift Of A Necklace" zurückkehrt, oder in Form einer netten Variation in
"Diana Gets Hit By A Car", aber thematische Auftritte dieser Art sind leider viel zu selten, was dieses Album gefährlich nahe daran bringt, Horners Langweiligstes seit Langem zu werden. Erst im vorletzten Stück (
"Two Worlds; The Past And The Future") schleicht sich endlich etwas unheilvolle Variation in die Musik ein, das Klavier schlägt eindringlichere Töne an und entwickelt sich in eine neue Richtung, während die Musik beinahe schaurige Qualitäten annimmt, wann immer die Solostimme wieder einsetzt. Darauf folgt das 12-minütige Finale (
"Young Diana's Future - A Future That Could Have Been...."), ohne Zweifel das Highlight des Scores (neben den thematischen Momenten). Es beginnt mit aggressivem, synthetischem Sound, der stark an Apocalypto erinnert, komplett mit metallischem Krachen (mittlerweile eines von vielen "Markenzeichen" Horners), gesampleten Streichern sowie künstlichen Bläsern. Was folgt ist eine weitere Pianopassage, etwa fünf Minuten lang und effektvoll von Streichersamples begleitet, in der Horner seiner Komposition endlich etwas Leben einhaucht, während der Film offenbar seine Auflösung erreicht hat. Anschließend kehrt der wortlose Gesang über Synth-Klängen zurück, bevor sich das Thema ein letzte Mal die Ehre gibt und das Album ordentlich zu seinem Ende bringt, auch wenn diese Variation nicht so einnehmend daherkommt wie vorrangegangene Inkarnationen.
In welchem Ausmaß sich Horner mit seiner Musik Perelmans Wunsch nach Zurückhaltung gebeugt hat, kann man an dieser Stelle natürlich nur erraten. Herausgekommen ist jedenfalls ein Score, der in weiten Teilen für kaum mehr als beiläufige, wenn auch sicherlich passende Begleitung zu den Bildern des Films dienen kann (den ich, um das noch einmal zu erwähnen, zu diesem Zeitpunkt noch nicht gesehen habe). Traf diese Aussage in gewisser Weise auch für Horners House of Sand and Fog zu, so konnte manch ein Zuhörer diesem Werk zumindest aufgrund der Komplexität, welche der Musik innewohnte, einiges abgewinnen. Solche Komplexität sucht man hier vergeblich; andererseits macht diese Tatsache The Life Before Her Eyes zu einem deutlich zugänglicheren Score, der durchweg zumindest angenehm hörbar ist und für viele auch einen Zweck als beruhigende Hintergrundmusik erfüllen könnte (wobei die synthetischen Aspekte niemals so nervende "Qualitäten" erreichen wie es beispielsweise in The Forgotten der Fall gewesen war). The Life Before Her Eyes bietet niemals wirklich schlechte Musik. Aber gerade Horner ist als Komponist zu so viel mehr fähig, besonders wenn er die Möglichkeit gereicht bekommt, Emotionen und menschliches Drama (beides Ingredienzien, die eine Geschichte wie diese bieten sollte) in seiner Musik widerzuspiegeln.
Ob diese letzten beiden Kollaborationen mit Perelman den Weg ebnen für eine weitere fruchtbare Regisseur-Komponisten-Beziehung, wie Horner sie schon so oft in der Vergangenheit genoss und teilweise noch heute genießt, wird sich wohl erst noch zeigen. Perelman zumindest äußerte bereits seinen Wunsch, gern an allen seinen Projekten mit Horner zu arbeiten (
Box Office Mojo Interview: Director Vadim Perelman). Bedenkt man die interessanten Projekten, die sich momentan in Perelmans Zukunft auftun, so kann man nur hoffen, dass er seinen Worten tatsächlich treu bleibt. Sollte das der Fall sein, wird es darüber hinaus auch interessant sein zu sehen, wie lange Perelman an seiner subtilen, zurückhaltenden Herangehensweise an die Musik zu seinen Filmen festhält, zumal seine zukünftigen Arbeiten durchaus größere Geschichten erzählen und breiter angelegt sein könnten; früher oder später mag es schwieriger werden, Horners anderer, mehr "direkten" Seite als Komponist zu widerstehen und ihn sein musikalisches Gemälde mit breiteren und mächtigeren Pinselstrichen gestalten zu lassen. Bis dahin bleibt The Life Before Her Eyes nur eine Empfehlung für echte Horner-Fans, die dieses feine und schöne Thema in ihrer Sammlung hinzufügen wollen und der Rest als ansprechende Hintergrundmusik schätzen können.